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#627 Warum Jesu Kampf im Garten Gethsemane?

#627 Warum Jesu Kampf im Garten Gethsemane?

July 21, 2019

F

Sehr geehrter Prof. Craig,

danke für Ihre Liebe zum Herrn und zur Wahrheit. Ich habe unheimlich viel von Ihnen gelernt, u.a. auch, wie man allen Menschen mit Sanftmut und Respekt gegenübertreten muss. Ich bin mit einer falschen Sicht vom Sühnetod Christi aufgewachsen; ich dachte immer, Gott der Vater habe seinen Zorn über Jesus ausgeschüttet. Von Ihnen habe ich gelernt, dass dem nicht so ist, aber jetzt geht mir der innere Kampf Jesu im Garten Gethsemane durch den Kopf. Ich hatte immer gedacht, dass seine Verzweiflung dort in erster Linie der Angst vor Gottes Zorn entsprang. Könnten Sie mir bitte sagen, was die wirkliche Ursache dafür war, dass Jesus, wie Lukas (22,44) berichtet, dort in dem Garten buchstäblich Blut schwitzte?

Christina

United States

Prof. Craigs Antwort

A

Danke, Christina! Jede Antwort auf Ihre Frage wird eine Mutmaßung sein müssen, aber glauben Sie nicht auch, dass Jesu Qual daher kam, dass er darum wusste, dass er bald für die Sünden der Menschen sterben müsste und dabei von seinem Vater verlassen würde?

Als er sein letztes Passamahl mit seinen Jüngern feierte, „nahm Jesus Brot, sprach den Segen, brach es, gab es ihnen und sprach: Nehmt, esst! Das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen denselben; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut, das des neuen Bundes, welches für viele vergossen wird“ (Markus 14,22-24). Durch seinen Tod setzt Jesus den von Jeremia prophezeiten neuen Bund ein, der Heilung und Vergebung der Sünde bringen wird (Jeremia 31,31-34). Und in den Worten „für viele vergossen“ klingt Jesajas Verheißung des leidenden Gottesknechtes an, der „seine Seele dem Tod preisgegeben hat und sich unter die Übeltäter zählen ließ und die Sünden vieler getragen und für die Übeltäter gebetet hat“ (Jesaja 53,12).

In der Nacht seiner Verhaftung hat Jesus diesen Bibelvers zitiert und auf sich selbst bezogen: „Denn ich sage euch: Auch dies muss noch an mir erfüllt werden, was geschrieben steht: ‚Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden.‘ Denn was von mir geschrieben steht, das geht in Erfüllung!“ (Lukas 22,37). Zu den „vielen“, deren Sünden der Gottesknecht trägt, gehören auch die Heiden, denen er ein Licht der Erlösung sein wird (Jesaja 42,6; 42,9). Jesus sah sich als diesen leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53, der „sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat“ (Jesaja 53,10). Vorher hatte Jesus über sich gesagt: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Markus 10,45). Nur in Jesaja 53 finden wir im Alten Testament die komplexe Vorstellung eines „Dieners“, der in einem eschatologischen Kontext sein Leben für „die vielen“ gibt.

In Jesaja 53 trägt der Gottesknecht die Sünden bzw. die Missetaten von vielen. Im Alten Testament bedeutet das „Tragen“ von Sünden, wenn Menschen gemeint sind, typischerweise, dass man für etwas haftbar gemacht wird bzw. eine Strafe zu tragen hat (vgl. z.B. 3. Mose 5,1; 7,18; 19,8; 24,15; 4. Mose 5,31; 9,13; 14,34). Doch der Gottesknecht trägt nicht seine eigenen Sünden, sondern die Sünden anderer (Jesaja 53,4.11-12). Der Bestrafungscharakter des Leidens des Gottesknechtes kommt deutlich zum Ausdruck in Formulierungen wie: „um unserer Übertretungen willen durchbohrt“, „wegen unserer Missetaten zerschlagen“, „die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten“, „der Herr warf unser aller Schuld auf ihn“ und „wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen“ (Jesaja 53,5.6.8).

Jesus, der sich als dieser von Jesaja verheißene leidende Gottesknecht sah, wusste also, was auf ihn wartete: Die Sünden der ganzen Menschheit würden auf ihn gelegt werden. Kein Wunder, dass er im Garten Gethsemane den Vater anflehte, ihm diesen „Kelch“ zu ersparen (Markus 13,35-36)!

Der Träger der Sünden der Menschen zu werden, bedeutete, von Gott dem Vater verlassen zu werden. Dies hat Jesus am Kreuz erlebt (Markus 15,34). Das Leiden am Kreuz war mithin viel mehr als die rein körperliche Qual. Der schweizerische reformierte Theologe Franciscus Turretinus (1623-1687) hat meines Erachtens gut erklärt, was das von-Gott-verlassen-Sein für Jesus bedeutete. Dort am Kreuz entzog Gott der Vater ihm die Gottesschau und die Freude und Fülle der Glückseligkeit, die er als Sohn des Vaters hatte (Institutio theologiae elencticae 14.11). Niemand von uns kann ermessen, was Jesus am Kreuz aus Liebe zu uns erduldet hat.

Kann uns da seine Qual im Garten Gethsemane überraschen?

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/why-jesus-agony-in-the-garden

– William Lane Craig

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