#631 Könnte, würde, hätte
July 21, 2019
F
Sehr geehrter Prof. Craig,
danke für Ihre Arbeit, die mir ganz enorm geholfen hat.
Bei der Untersuchung der inneren Stimmigkeit des Molinismus stieß ich auf ein Problem, das keine Lösung zu haben scheint. Können Sie mir helfen, den folgenden Syllogismus zu erklären?
Eine Entscheidung kann nur dann als frei getroffen betrachtet werden, wenn es wahr ist, dass eine Person X in einer Situation B sowohl A als auch Nicht-A wählen kann.
Wenn die Person X in der Situation B A oder Nicht-A wählen kann, muss es wahr sein, dass die Person X in der Situation B möglicherweise nicht A und möglicherweise nicht Nicht-A wählt.
Wenn es wahr ist, dass die Person X in der Situation B möglicherweise nicht A wählt und nicht Nicht-A wählt (wie das für den freien Willen erforderlich ist), kann es nicht gleichzeitig auch wahr sein, dass die Person X in der Situation B mit Sicherheit A oder Nicht-A wählen wird (wie es für das mittlere Wissen erforderlich ist).
Diese beiden einander widersprechenden Aussagen müssen im Molinismus beide wahr sein, der ja den freien Willen und das mittlere Wissen bejaht.
Folglich kann der Molinismus nicht wahr sein.
Mit anderen Worten: Es erscheint sinnlos, zu sagen, dass es wahr ist, dass die Person X in der Situation B möglicherweise nicht A wählt (wie das für den freien Willen erforderlich ist), UND gleichzeitig zu sagen, dass es wahr ist, dass die Person X in der Situation B mit Sicherheit A wählen wird (wie das für den Molinismus erforderlich ist). So können z. B. die folgenden beiden Aussagen nicht beide gleichzeitig wahr sein: (1) Es kann sein, dass ich meine Frau nicht küssen werde, wenn sie morgen Rot trägt UND (2) Ich werde mit Sicherheit meine Frau küssen, wenn sie morgen Rot trägt. Aber wenn der Molinismus wahr sein soll, müssten sie beide gleichzeitig wahr sein. Noch einmal vielen Dank für Ihre Arbeit und Ihren Einsatz für den Glauben!
Gott segne Sie.
Rosser
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Ich glaube, dass bereits Ihr Satz 1. Falsch ist – libertäre Freiheit erfordert lediglich, dass der Akteur nicht kausal auf seine Entscheidung festgelegt ist –, aber der fundamentale Fehler des Argumentes liegt bei 2.
Um zu sehen, warum dies so ist, müssen wir uns die Standardsemantik der kontrafaktischen Rede anschauen (vgl. Kapitel 2 in J.P. Moreland und William Lane Craig, Philosophical Foundations for a Christian Worldview). Nehmen wir einmal an, unsere Welt wäre die Sonne in unserem Sonnensystem und verschiedene mögliche Welten die Planeten, die die Sonne in konzentrischen Ringen umkreisen. Die unserer tatsächlichen Welt ähnlichsten Welten sind der Sonne am nächsten, und je weiter man nach „draußen“ geht, umso geringer wird die Ähnlichkeit.
Nun ist ein kontrafaktischer „Würde“-Satz (z. B. „Wenn ich reich wäre, würde ich mir ein neues Auto kaufen“) dann wahr, wenn in allen Welten, die unserer tatsächlichen Welt am ähnlichsten sind und in denen der Vordersatz („wenn ich reich wäre“) wahr ist, der Nachsatz („würde ich mir ein neues Auto kaufen“) ebenfalls wahr ist.
Wenn auch nur in einigen der Welten, die unserer tatsächlichen Welt am ähnlichsten sind und in denen der Vordersatz wahr ist, der Nachsatz ebenfalls wahr ist, dann ist ein kontrafaktischer „Vielleicht“-Satz (wie „wenn ich reich wäre, würde ich mir vielleicht ein neues Auto kaufen“) wahr. Es leuchtet unmittelbar ein, dass kontrafaktische „Würde“-Sätze logisch die relevanten „Vielleicht“-Sätze implizieren, denn wenn ich in allen Welten, die den Vordersatz erlauben, mir ein neues Auto kaufe, kaufe ich mir auch in einigen dieser Welten ein neues Auto. Wenn es also wahr ist, dass ich mir ein neues Auto kaufen würde, ist es ebenfalls wahr, dass ich mir vielleicht eines kaufen würde.
Solch eine Semantik hat die merkwürdige Implikation, dass dann, wenn ich mir ein neues Auto kaufen würde, es falsch ist, dass ich mir vielleicht keines kaufen würde. Denn wenn ich in jeder der Welten, die der unseren am ähnlichsten sind und den Vordersatz erlauben, mir ein neues Auto kaufe, gibt es unter diesen Welten keine, in der ich mir kein neues Auto kaufen würde. Aber wenn der kontrafaktische Satz „Wenn ich reich wäre, würde ich mir vielleicht kein neues Auto kaufen“ wahr sein soll, muss es eine Welt geben, die den Vordersatz zulässt und in der der Nachsatz falsch ist.
Wenn in einigen der den Vordersatz zulassenden Welten der Nachsatz wahr ist und in einigen falsch, dann ist es wahr, dass „ich mir vielleicht ein neues Auto kaufen werde, vielleicht aber auch nicht.“ In der kontrafaktischen Logik gilt, dass der Satz „Wenn es der Fall wäre, dass p, könnte es möglicherweise nicht der Fall sein, dass q“ dem Satz „Wenn es der Fall wäre, dass p, dann wäre es auch der Fall, dass q“ widerspricht.
Wenn ich mir nun in allen Welten, die unserer Welt am ähnlichsten sind und den Vordersatz erlauben, ein neues Auto kaufe, impliziert dies, dass es unmöglich ist, dass ich ein neues Auto kaufe? Definitiv nicht! In Weltbereichen, die unserer tatsächlichen Welt weniger ähnlich sind als der Bereich, den wir hier betrachten, kann es zahlreiche den Vordersatz erlaubende Welten geben, in denen ich mir ein Auto kaufe. In den ins Auge gefassten Umständen könnte ich mir also ein neues Auto kaufen, obwohl es falsch ist, dass ich mir vielleicht keines kaufen werde. Der Grund, warum dies komisch klingt, ist der, dass in unserer Alltagssprache, wie Ihr Argument zeigt, das Wort „könnte“ typischerweise als Synonym für „würde vielleicht“ verstanden wird. Es ist wahr, dass ich mir ein neues Auto kaufen könnte oder auch nicht, und so denken wir, dass ich mir vielleicht ein neues Auto kaufen werde. Aber das ist ungenau. „Könnte“ impliziert nicht „würde vielleicht“. Alles, was wir hier beachten müssen, ist, dass die Semantik der kontrafaktischen Logik eine künstliche Semantik ist, in der „würde vielleicht“ nicht seine Alltagsbedeutung hat.
Sie haben also völlig recht, wenn Sie sagen: „Es erscheint sinnlos, zu sagen, dass es wahr ist, dass die Person X in der Situation B möglicherweise nicht A wählt . . . , UND gleichzeitig zu sagen, dass es wahr ist, dass die Person X in der Situation B mit Sicherheit A wählen wird.“ Aber Sie irren, wenn Sie glauben, dass die Freiheit von X impliziert, dass er in der Situation B vielleicht nicht A wählt. Es ist kein Problem, zu sagen, dass obwohl X in der Situation B A wählen wird, er auch die Freiheit hätte, stattdessen Nicht-A zu wählen. Seien wir dankbar, dass der Molinismus es nicht erfordert, dass dann, wenn Ihre Frau morgen Rot trägt, Sie sie definitiv küssen werden, aber vielleicht auch nicht!
(Übers.: Dr. F. Lux)
Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/wouldve-couldve-mightve
– William Lane Craig