#647 Warum glauben Historiker nicht an die Auferstehung Jesu?
December 22, 2019
F
Sehr geehrter Prof. Craig,
ich bin Christ und ein Fan von Ihnen und Ihren Artikeln über die Auferstehung Jesus Christi. Ich hätte eine Frage über ein Argument eines Atheisten gegen die Auferstehung. Das Argument ist wie folgt:
(P1) Wenn die Evidenz für die Auferstehung überzeugend ist, sollte es viele Beispiele geben, wo Historiker, die keine Christen sind, durch die Evidenz für die Auferstehung überzeugt werden. Und da viele Historiker, die keine Christen sind, Theisten sind, die an Wunder glauben, dürfte der übernatürliche Aspekt der Auferstehung sie nicht davon abhalten, sie als wahr zu akzeptieren.
(P2) Es ist merkwürdig, dass wir keine Beispiele von Personen finden, die 1. lange Zeit Nichtchristen waren, 2. aufgrund der historischen Evidenz von der Realität der Auferstehung überzeugt wurden und 3. dies erlebten, nachdem sie Berufshistoriker geworden waren.
(P3) Aber wenn die historische Evidenz keinen Glauben an die Auferstehung Jesu hergibt, dürfen wir uns natürlich nicht wundern, wenn wir solche Leute nicht finden.
(C) Es besteht also Grund zu der Annahme, dass die historische Evidenz den Glauben an die Auferstehung Jesus Christi nicht hergibt.
Meine Frage ist: Wie widerlege ich dieses Argument? Bitte helfen Sie mir, denn dieses Argument ist eine harte Nuss für meinen christlichen Glauben, und ich habe keine Ahnung, wie ich auf es antworten soll. Auch andere Christen, die ich befragt habe, wissen nicht, was sie mit diesem Argument machen sollen. Ich erwarte mit Spannung Ihre Antwort und bin bereit, geduldig zu warten, egal, wie lange es dauert. Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen, und danke für ihre Arbeit für das Reich Christi. Gott segne Sie.
Parker
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Zunächst einmal, Parker, ist es vielleicht hilfreich, wenn Sie erkennen, dass diese Art Einwand eigentlich gar nichts speziell mit der Auferstehung Jesu zu tun hat. Es handelt sich vielmehr um einen allgemeinen, oft diskutierten philosophischen Einwand gegen das Vertreten von Positionen, die unter den Kollegen an den Universitäten und in der Forschung in signifikantem Maße umstritten sind.[1] Die Grundaussage lautet, dass es die rationale Begründung meiner Position gewissermaßen beeinträchtigt, wenn die Damen und Herren Kollegen, die doch genauso intelligent und informiert sind wie ich, meine Position nicht teilen. Ich sollte mich mit meiner Position zurückhalten, obwohl ich nach viel Prüfen und Nachdenken zu der Überzeugung gekommen bin, dass meine Argumente stimmen.
Dieser Einwand hat eine bizarre Konsequenz: Obwohl ich von meinen Argumenten überzeugt bin, ja sogar genau sagen kann, wo meine Kritiker falsch liegen, soll ich wider alle Evidenz für meine Position diese Position bezweifeln! Anstatt den Beweisen dorthin zu folgen, wo sie hinführen, soll ich ihnen tapfer widerstehen, nur weil meine Kollegen nicht überzeugt sind. Das ist geradezu ein Rezept für Irrationalität und blindes Mitrennen mit der Masse.
Doch mehr noch: Meine wissenschaftlichen Kollegen befinden sich in exakt derselben Situation wie ich – sie sind konfrontiert mit Kollegen (wie mir!), die genauso intelligent und informiert sind wie sie, aber die ihre Position nicht teilen. Folglich müssten auch sie sich mit ihrer Position zurückhalten . . . Das Endergebnis ist eine Lähmungssituation, wo man nicht mehr zu einer rationalen Prüfung der Evidenz kommen kann, weil es ja immer jemand gibt, der die Sache anders sieht. Dies scheint mir pervers zu sein.
Aber es kommt noch schlimmer: Der ganze Einwand erweist sich nämlich als kontraproduktiv. Denn viele, wenn nicht sogar die meisten Philosophen überzeugt dieser Einwand überhaupt nicht. Woraus folgt, dass dann, wenn wir keine Position vertreten dürfen, die unter Kollegen in signifikantem Maße umstritten ist, wir an eben diesen Einwand nicht glauben dürfen! Denn ihn annehmen hieße ja die Tatsache missachten, dass viele Kollegen, die gerade so intelligent sind wie wir, diesen Einwand ablehnen. Womit der Einwand sich selbst zerstört.
So wie von Ihnen formuliert, enthält der Einwand als zusätzliche Pointe den Appell an die Autorität der Experten: Die Profis (Historiker) sind nicht überzeugt! Dies mag vielleicht dem Laien Angst machen, der in der Tat sein Verständnis einer Frage prüfen sollte, wenn die Experten die Dinge ganz anders sehen als er, aber dieser Appell an die Autoritäten entfällt natürlich für jemanden, der selber ein Experte ist. Wenn es z.B. um die Auferstehung Jesu geht, muss und wird ein N.T. Wright oder Dale Allison oder Michael Licona nicht vor der Autorität seiner Kollegen kuschen, sondern erlaubt es sich, anderer Meinung zu sein als sie, wenn er nach sorgfältiger Analyse zu dem Ergebnis kommt, dass sie der Evidenz nicht gerecht werden. Selbstverständlich wird er die Einwände seiner Kritiker sorgfältig prüfen und nicht vorschnell verwerfen, aber am Ende wird ein rational denkender Mensch immer den Beweisen dorthin folgen, wohin sie ihn führen.
Der ganze Einwand, wie Sie ihn formuliert haben, ist ein einziges Windei. Ob der Fehler bei der Originalformulierung liegt oder ob Sie eine unglückliche Umformulierung gewählt haben, weiß ich natürlich nicht. Aber egal, ob wir das Argument deduktiv oder induktiv formulieren, es ist beide Male verunglückt. Nehmen wir die deduktive Variante; sie dürfte etwa so lauten:
1. Wenn die historische Evidenz für die Auferstehung Jesu zwingend ist, werden viele Historiker, die keine Christen sind, durch sie überzeugt werden.
2. Nicht viele Historiker, die keine Christen sind, werden durch die Evidenz überzeugt.
3. Wenn die historische Evidenz keinen Glauben an die Auferstehung hergibt, werden nicht viele Historiker, die keine Christen sind, durch die Evidenz überzeugt werden.
4. Folglich gibt die historische Evidenz keinen Glauben an die Auferstehung Jesu her.
Dieses Argument ist formell wie informell nichtig. Bereits aus (1) und (2) folgt:
5. Die historische Evidenz für die Auferstehung Jesu ist nicht zwingend.
Wozu brauchen wir dann (3)? Es spielt keine argumentative Rolle. Doch weiter: Selbst wenn wir (5) konzedieren, impliziert dies nicht die Schlussfolgerung (4). Denn die Beweise für ein Ereignis E müssen nicht zwingend sein, um zum Glauben an E zu führen. Zwingende Beweise sind der höchste Grad von Evidenz – Evidenz, die Zustimmung verlangt oder erzwingt. Aber Evidenz ist selten zwingend, selbst dann, wenn sie hinreichend ist. Die Evidenz dafür, dass Oswald ein Einzeltäter war, als er J.F. Kennedy erschoss, mag beispielsweise nicht zwingend sein, aber sie reicht aus für die Annahme, dass er allein für die Tat verantwortlich war. Selbst in einem Strafprozess erfordert ein Schuldspruch lediglich Beweise, die jeden vernünftigen Zweifel ausschließen (und nicht solche, die jeden Zweifel ausschließen); eine Jury muss die Evidenz also nicht als zwingend betrachten, um zu einem Schuldspruch zu kommen. In vielen Situationen im Leben kann die Evidenz, die einen bestimmten Glauben stützt, sehr viel schwächer sein, vielleicht nur entsprechend einer Wahrscheinlichkeit von 51 %.
Was die Stärke der Evidenz betrifft, decken die Verteidiger der Auferstehung Jesu ein ganzes Spektrum ab. Am oberen Ende ist Richard Swinburne anzusiedeln, der die Wahrscheinlichkeit der Auferstehung bei ca. 97 % sieht. Timothy und Lydia Crew nennen keinen Wahrscheinlichkeitswert, setzen die Wahrscheinlichkeit aber ebenfalls sehr hoch an. Am unteren Ende des Spektrums findet man Stephen Davis mit seiner bescheidenen Behauptung, dass die Evidenz es vernünftig macht, an die Auferstehung Jesu zu glauben (was die Aussage offenlässt, dass es auch vernünftig ist, dass man nicht an die Auferstehung glaubt). Gary Habermas, Michael Licona und ich argumentieren, dass die Auferstehung Jesu sowohl die beste Erklärung der Evidenz ist als auch eine gute Erklärung. N.T. Wright macht überhaupt keine Aussagen über die Stärke der Argumentation für die Auferstehung; er findet, dass die Fakten den Glauben an das leere Grab und die Erscheinungen des auferstandenen Jesus stützen, und lädt seine Leser schlicht ein, die christliche Weltsicht einmal „anzuprobieren“ und zu sehen, ob sie nicht die beste Erklärung ist. Keiner dieser Denker würde verlangen, dass die Evidenz zwingend ist, um den Glauben an die Auferstehung Jesu zu rechtfertigen.
Wie kommt unser Gegenüber also zu (4)? Hier könnte das offenbar nutzlose (3) wieder ins Spiel kommen. Vielleicht will er, dass (4) aus (2) und (3) gefolgert wird. Doch solch eine Folgerung vornehmen hieße einen logischen Trugschluss zu begehen. Es funktioniert nicht, aus P impliziert Q und Q zu schließen, dass folglich P gilt. Deduktiv konstruiert, ist das Argument also sowohl informell (Ambiguität) als auch formell (non sequitur) nichtig.
Nun könnte an dieser Stelle Ihr atheistischer Freund protestieren, dass ich seinen Einwand falsch verstanden habe. Wie der sprachliche Stil der Erwartung und Überraschung nahelegt, ist dieser Einwand möglicherweise als induktives Argument gedacht, bei dem es um unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten geht. Aber auch in dieser Form wird das Argument nicht besser. Es scheint mir die folgende Form zu haben (wobei P [A | B] die Wahrscheinlichkeit von A für B bezeichnet):
1. P [Viele Historiker, die keine Christen sind, werden durch die Evidenz überzeugt | Die Evidenz ist zwingend] > 0,5.
2. P [Nicht viele Historiker, die keine Christen sind, werden durch die Evidenz überzeugt] < 0,5.
3. P [Nicht viele Historiker, die keine Christen sind, werden durch die Evidenz überzeugt | Die Evidenz gibt den Glauben an die Auferstehung Jesu nicht her] >> 0,5.
4. P [Die Evidenz gibt den Glauben an die Auferstehung Jesu nicht her] > 0,5.
In dieser induktiven Formulierung des Arguments ist der Punkt 2 der verzwickte. Der Einwanderheber scheint zu behaupten, dass, sieht man einmal von der Prüfung der Stärke der Evidenz ab, die Grundwahrscheinlichkeit, dass viele Historiker, die keine Christen sind, überzeugt werden, von vornherein hoch ist. Solch eine Von-vornherein-Wahrscheinlichkeit ist nicht nur reichlich rätselhaft, sondern die Zuordnung eines hohen Wertes zu dieser Wahrscheinlichkeit scheint mir dem Ziel des Einwanderhebers zuwiderzulaufen. Was er sagen will, ist doch, dass mangels guter Belege für die Auferstehung Jesu es sehr wahrscheinlich ist („. . . dürfen wir uns natürlich nicht wundern“), dass Historiker, die keine Christen sind, nicht durch die Evidenz überzeugt werden. Und er will sagen, dass mit zwingenden Belegen für die Auferstehung Jesu es unwahrscheinlich ist, dass nicht viele Historiker, die keine Christen sind, sich durch die Evidenz überzeugen lassen. Aber das ist nichts als eine Wiederholung dessen, was bereits in (1) ausgesagt ist – nämlich dass es wahrscheinlich ist, dass dann, wenn es zwingende Beweise gibt, viele Historiker, die keine Christen sind, zu der Überzeugung kommen werden, dass Jesu Auferstehung stattgefunden hat, was (2) glatt überflüssig macht.
Bleiben die Wahrscheinlichkeiten von (1) und (3): Es ist sehr wahrscheinlich, dass ohne zwingende Belege für die Auferstehung Jesu viele Historiker, die keine Christen sind, von der Auferstehung überzeugt werden, und es ist ebenfalls hoch wahrscheinlich, dass dann, wenn die Evidenz schwach ist, die meisten dieser Historiker nicht überzeugt werden. Sehr schön, aber das impliziert natürlich nicht (4) – also dass es wahrscheinlich ist, dass die Evidenz den Glauben an die Auferstehung Jesu nicht hergibt.
Aber machen wir uns den Sieg über unseren Gegner nicht gar zu einfach und helfen wir ihm, sein Argument korrekt zu formulieren. Eliminieren wir die Ambiguität zwischen zwingender Evidenz und ausreichender Evidenz um den Glauben an die Auferstehung herzugeben, und versuchen wir, das induktive Argument exakt auszudrücken. Ich glaube, was er wirklich sagen will, ist Folgendes:
1*. Wenige Historiker, die keine Christen sind, lassen sich durch die Evidenz für die Auferstehung Jesu überzeugen.
2*. P [Wenige Historiker, die keine Christen sind, lassen sich durch die Evidenz für die Auferstehung Jesu überzeugen | Die Evidenz reicht aus, um den Glauben an die Auferstehung Jesu herzugeben] < 0,5.
3*. P [Wenige Historiker, die keine Christen sind, lassen sich durch die Evidenz für die Auferstehung Jesu überzeugen | Die Evidenz reicht nicht aus, um den Glauben an die Auferstehung Jesu herzugeben] > 0,5.
4*. Folglich bestätigt die Tatsache, dass nur wenige Historiker, die keine Christen sind, sich durch die Evidenz für die Auferstehung Jesu überzeugen lassen, die Tatsache, dass die Evidenz nicht ausreicht, um den Glauben an die Auferstehung Jesu herzugeben.
Dies scheint mir eine exakte, korrekte Formulierung des Argumentes zu sein. Was sollen wir zu diesem so formulierten Einwand sagen?
Zunächst einmal ist zu beachten, wie schwach das Argument selbst dann ist, wenn es voll und ganz sticht. Dies ist ein bloß bestätigendes Argument. Das Argument kommt lediglich zu dem Schluss, dass die Tatsache, dass nur wenige Historiker, die keine Christen sind, von der Auferstehung überzeugt werden etc., die Tatsache bestätigt, dass die Evidenz nicht ausreicht, um den Glauben an die Auferstehung Jesu herzugeben. Es liefert keinen Beweis für diese Tatsache, sondern lediglich bestätigende Evidenz, die für diese Tatsache spricht. Bestätigende Evidenz ist leicht zu bekommen. Ich weiß noch sehr gut, wie ich vor vielen Jahren in einem Restaurant in Madison (Wisconsin, USA) mit dem Philosophen Keith Yandell über bestätigende Argumente diskutierte. Um ihre Schwäche zu veranschaulichen, sagte er: „Nehmen wir an, meine Hypothese ist, dass Leah, die unsichtbare zwei Meter große Königin der Kobolde, gerne herumläuft und Pappbecher auf Tische stellt.“ Er zeigte auf zwei solche Becher auf unserem Tisch und fuhr fort: „Da! Ich habe dir gerade eine Bestätigung meiner Hypothese gegeben.“ Jawohl, mit den zwei Pappbechern auf unserem Tisch war seine Hypothese wahrscheinlicher, als sie es ohne sie gewesen wäre, aber das machte seine Hypothese ganz offensichtlich noch lange nicht zu einer wahren Hypothese!
Das Argument ist also schwach, selbst wenn seine Prämissen wahr sind. Aber sind die Prämissen überhaupt wahr? Ich glaube, wir würden alle sagen, dass (3*) wahr ist. Wenn die Evidenz wirklich nicht ausreichen würde, um den Glauben an die Auferstehung Jesu zu rechtfertigen, dann wäre es wahrscheinlich, dass nur wenige Historiker aufgrund der Evidenz an die Auferstehung Jesu glauben. Es wäre immer noch möglich, dass sie auf irgendeinem anderen Wege – z. B. durch eine persönliche Begegnung mit dem lebendigen Herrn oder durch das Zeugnis des Heiligen Geistes, dass die Bibel wahr ist – zum Glauben an die Auferstehung kommen, aber eben nicht durch die Evidenz.[2] Somit scheint (3*) plausibel zu sein.
Die offensichtliche Achillesferse des Arguments ist (2*). Stimmt es wirklich, dass es wahrscheinlich wäre, dass viele nichtchristliche Historiker aufgrund der Evidenz zum Glauben an die Auferstehung Jesu kommen, wenn die Evidenz für die Auferstehung Jesu ausreichend wäre, um den Glauben an diese Auferstehung herzugeben,? Es lassen sich leicht alle möglichen Gründe dafür finden, dass dies nicht unbedingt stimmt. Hier vier dieser Gründe:
(i) Erstens: Indem wir die Chimäre der „zwingenden Beweise“ fahren lassen, machen wir es möglich, dass die Evidenz Nichtchristen nicht überzeugt. Wenn wir Stephen Davis folgen, macht die Evidenz es vernünftig, an die Auferstehung Jesu zu glauben, aber der Unglaube kann genauso vernünftig sein. Selbst bei einer stärkeren Einschätzung der Evidenz, wie ich sie vertrete, muss die Evidenz nicht unweigerlich überzeugend sein.
(ii) Zweitens: Die bloße Tatsache, dass die Evidenz ausreicht, um den Glauben zu rechtfertigen, impliziert nicht, dass viele Historiker sich durch sie überzeugen lassen, denn möglicherweise kennen sie die Evidenz gar nicht. Die Evidenz kann so stark sein, wie sie will – wenn jemand sie nicht kennt, kann er auch nicht durch sie überzeugt werden. Wie die Wissenschaftler allgemein sind auch die Historiker unglaublich spezialisiert. Ein Historiker, dessen Spezialgebiet die Französische Revolution ist oder die militärischen Taktiken im amerikanischen Bürgerkrieg, weiß womöglich rein nichts über die Geschichte Israels im 1. Jahrhundert. Ich wage die Behauptung, dass sehr wenige Berufshistoriker mehr über Jesus von Nazareth wissen als ein blutiger Laie. Und wenn wir versuchen, das Argument zu präzisieren, indem wir nur von solchen Historikern reden (nennen wir sie die „wohlinformierten“ Historiker), die Fachartikel über Jesus publiziert haben, dann möchte ich die Behauptung in (1*), dass nur wenige wohlinformierte Historiker aufgrund der Evidenz zum Glauben an die Auferstehung Jesu kommen, ernsthaft bezweifeln – aber darüber gleich mehr.
(iii) Drittens gibt es gewichtige weltanschauliche Prämissen, die trotz aller Evidenz den nichtchristlichen Historiker daran hindern können, von der Realität der Auferstehung Jesu überzeugt zu werden. Gary Habermas hat auf „zwei massive Faktoren“ hingewiesen, die die Einstellung der Menschen zur Auferstehung Jesu prägen: die Rolle unserer Gefühle beim Zustandekommen religiöser Überzeugungen und der revolutionäre Charakter der Auferstehung selber. Er stellt fest, dass bei religiösen Zweifeln unsere Gefühle eine viel größere Rolle spielen als unser Verstand und dass der Glaube an die Realität der Auferstehung eine enorme Erschütterung des Weltbildes des betreffenden Menschen bedeutet; er muss z. B. an die Göttlichkeit Christi glauben und an die christliche Errettungslehre. Habermas wörtlich:
Wenn das Zweite also kombiniert wird mit allen möglichen emotionalen Wünschen, dass ich nicht mein ganzes Weltbild ändern muss, geschweige denn meinen Lebensstil (ich unterhalte mich regelmäßig mit vielen solcher Menschen), dann ist es klar, dass sie die Evidenz bzw. die Veränderungen, die die Evidenz notwendig machen würde, nicht mögen, mit der Folge, dass sie lieber fast jede andere Position glauben oder die Evidenz schlicht ignorieren. . . . Ich kann gar nicht genug betonen, wie massiv dies in den Fällen ist, die ich erlebe.[3]
Nun versucht unser Gegenüber, das Problem der Veränderung des Weltbildes dadurch abzufedern, dass er sagt: „. . . da viele Historiker, die keine Christen sind, Theisten sind, die an Wunder glauben, dürfte der übernatürliche Aspekt der Auferstehung sie nicht davon abhalten, sie als wahr zu akzeptieren.“ Ich halte das für naiv. Deisten sind gerade so gegen Erklärungen anhand von Wundern wie Nichttheisten. Und für die beiden größten Gruppen nichtchristlicher Theisten – Juden und Muslime – bedeutet die Bejahung der Auferstehung Jesu nicht nur grundlegende Veränderungen in ihrem Weltbild, wie von Habermas definiert, sondern, wie sie es sehen, den Verrat ihrer Familie, ihres Erbes, ja ihrer ethnischen Identität. Einem Muslim ist es absolut verboten, an die Auferstehung Jesu zu glauben, weil der Koran Jesu Tod am Kreuz ausdrücklich verneint (Sure 4,157f). Interessanterweise findet man hier bei Juden manchmal eine größere Offenheit; mehrere jüdische Historiker sind, allem Druck durch ihre Glaubensbrüder zum Trotz, zu einer Bejahung der Tatsache des leeren Grabes Jesu, ja sogar (mehr dazu weiter unten) der Auferstehung selber, gekommen. Ich glaube, es ist klar, dass unser atheistischer Kritiker mit seinem Argument, dass viele nichtchristliche theistische Historiker an die Auferstehung Jesu glauben würden, wenn die Evidenz nur stark genug wäre, seine sehr naive Sicht davon, wie Menschen zu ihren Entscheidungen kommen, verrät.
(iv) Viertens: Punkt (iii) beleuchtet eine sehr wichtige Unterscheidung in jeder historischen Argumentation für die Auferstehung, die bis jetzt durch das vage Gerede von der „Evidenz für die Auferstehung“ verdeckt worden ist. Wie ich an anderer Stelle erläutert habe, beinhaltet eine historische Argumentation für die Auferstehung Jesu zwei Schritte: (I) die Klarstellung der Fakten, die es zu erklären gilt, und (II) die Ermittlung der besten Erklärung dieser Fakten. Schritt (I) ist die Aufgabe des Historikers und behandelt die „Evidenz für die Auferstehung“ im exaktesten Sinne: die Evidenz für solche Fakten wie das leere Grab Jesu, die Erscheinungen des Auferstandenen und den Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu. Heute wird die so definierte „Evidenz für die Auferstehung“ von der großen Mehrheit wohlinformierter Historiker in der Tat akzeptiert.
Aber sehr viele Historiker würden es verneinen, dass der Schritt (II) in ihr Ressort fällt. Viele, ja wahrscheinlich die meisten Historiker würden sagen, dass der methodologische Naturalismus es ihnen verwehrt, natürlichen Phänomenen wie dem leeren Grab etc. übernatürliche Erklärungen wie „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“ zuzuordnen. Selbst wenn sie Theisten sind und die „Evidenz für die Auferstehung“ akzeptieren, sind ihnen von der Methodologie her Erklärungen anhand von Wundern untersagt. Ich habe den Eindruck, dass zahlreiche Historischer-Jesus-Forscher sich in diesem Lager befinden. Nehmen wir als Beispiel Bart Ehrman. In seinen „Teaching Company“-Seminaren über den historischen Jesus akzeptiert Ehrman, obwohl er kein Christ ist, aufgrund der Evidenz die Historizität des leeren Grabes Jesu, der Erscheinungen des Auferstandenen und des Ursprungs des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu. Doch gleichzeitig verneint er aufgrund Hume’scher philosophischer Argumente, [4] dass ein Historiker je zu Recht zu dem Schluss kommen könnte, dass die Auferstehung Jesu die beste Erklärung dieser Evidenz ist, und verzichtet auf ein abschließendes Urteil. Das Problem ist hier eindeutig nicht mangelhafte Evidenz, sondern ein philosophisches Gedankenkorsett, das es von vornherein unmöglich macht, die Auferstehung als beste Erklärung zu sehen. Wie gesagt, ich glaube, dass diese Position unter Historischer-Jesus-Forschern weit verbreitet ist. Sie macht es aufgrund der methodologischen Vorab-Festlegungen unwahrscheinlich, dass viele Historiker aufgrund der Evidenz zum Glauben an die Auferstehung Jesu kommen, selbst wenn diese Evidenz vollkommen ausreicht, um den Glauben an das leere Grab, die Erscheinungen des Auferstandenen etc. plausibel zu machen, wie die meisten wohlinformierten Historiker dies sehen.
Damit kommen wir schließlich zu Prämisse (1*), die Ihr atheistischer Freund als wahr voraussetzt. Aber wir haben bereits gesehen, dass, um die Prämisse (2*) auch nur entfernt plausibel zu machen, die Kategorie der Historiker, die keine Christen sind, auf die „wohlinformierten“ Historiker begrenzt werden muss, die auf dem Gebiet der Historischer-Jesus-Forschung spezialisiert sind und publizieren. Wie viele Forscher sind „wenige“ und wie viele „viele“? Aufgrund meiner einschlägigen Lektüre weiß ich, dass nicht nur viele, sondern die meisten der wohlinformierten Historiker aufgrund der Evidenz von solchen Fakten wie dem leeren Grab, den Erscheinungen des Auferstandenen etc. überzeugt sind. In diesem Lager finden wir Historiker wie C. Behan McCullagh und Jeffrey Burton Russell. Ich denke hier auch an nichtevangelikale Forscher wie Michael Grant, Paula Fredriksen, D.H. van Daalen und John Shelby Spong. Selbst herausragende jüdische Gelehrte wie u.a. Geza Vermes und Pinchas Lapide haben gesagt, dass sie überzeugt sind.[5] Wie viele von denen, die die Evidenz überzeugt hat, waren früher Nichtchristen oder sind es heute noch? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht, und ich schätze, Ihr atheistischer Freund weiß es auch nicht. Die wenigsten dieser Menschen publizieren Autobiografien, in denen sie über ihren Glauben sprechen.[6] In Ermangelung einer in einer anerkannten Fachzeitschrift publizierten soziologischen Studie hat Ihr Freund keine Möglichkeit, zu wissen, von wie vielen Menschen er hier redet. Lassen Sie es nicht zu, dass er die Beweislast Ihnen aufhalst! Dies ist sein Einwand, und folglich muss er die Prämissen plausibel machen.
Darf ich mit einer persönlichen Bemerkung schließen? Was mich an Ihrem Brief am meisten beunruhigt, Parker, ist Ihre Angabe, dass ein so fadenscheiniges Argument „eine harte Nuss für meinen christlichen Glauben“ ist. Ich habe hier den Verdacht, dass Sie die Argumentation für die Auferstehung Jesu nicht wirklich verstanden haben. Sonst würde Ihre Reaktion auf den Einwand Ihres Freundes so lauten: „Ich weiß nicht, wie ich dieses Argument kontern soll, aber ich weiß, dass es überzeugende Belege für das leere Grab Jesu, die Erscheinungen des Auferstandenen und den Ursprung des Glaubens der Jünger gibt und dass nicht nur ich, sondern die Mehrheit der Forscher, die zu dem Thema geschrieben haben, die Evidenz überzeugend finden. Folglich muss mit diesem Einwand etwas nicht stimmen!“ Jemand, der die historischen Argumente für die Auferstehung Jesu beherrscht, erkennt, dass dieser Einwand die Evidenz nicht kippen kann.
(Übers.: Dr. F. Lux)
Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/why-dont-professional-historians-come-to-believe-in-jesus-resurrection
[1] Vgl. die hilfreichen Ausführungen von J.P. Moreland in seinem Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview, 2nd ed. (Downers Grove, Ill.: IVP, 2017), S. 90-93.
[2] Vgl. das Beispiel des Historischer-Jesus-Forschers Craig Keener: „Wäre ich mit diesen Fakten konfrontiert worden, als ich noch Atheist war, hätte ich sicher große Probleme gehabt mit dem Jesus der Evangelien und dem, was er von mir verlangte.“ Doch stattdessen „holte [der Herr] mich durch eine direkte und gänzlich unverdiente Begegnung mit seinem Geist im Evangelium aus dem Atheismus heraus.“ (“Fascinating Interview: Craig Keener on his new book ‘Christobiography’” <https://seanmcdowell.org/blog/fascinating-interview-craig-keener-on-his-new-book-christobiography>).
[3] Persönliche Korrespondenz, 16. August 2019.
[4] Es handelt sich um Argumente des englischen Aufklärungsphilosophen David Hume gegen die Vernünftigkeit des Glaubens an Wunder, egal wie stark die Evidenz ist. Heute ist so gut wie allen Philosophen klar, dass Humes Argumentation, die auf einem mangelhaften Verständnis der Wahrscheinlichkeitsrechnung beruhte, ein – in den Worten des Wissenschaftsphilosophen John Earman – „erbärmlicher Reinfall“ war (vgl. John Earman, Hume’s Abject Failure, Oxford: Oxford University Press, 2000.) Leider ist Humes Argumentation unter Nichtphilosophen nach wie vor populär.
[5] Näheres in: David Mishkin, Jewish Scholarship on the Resurrection of Jesus (Eugene, Ore.: Wipf & Stock, 2017). Wenn ich mich recht erinnere, haben vor einigen Jahren in der Fernsehserie From Jesus to Christ mehrere der interviewten jüdischen Historiker die Historizität des leeren Grabes Jesu bejaht, sahen sich aber außerstande, eine Erklärung dafür zu liefern.
[6] Der Historiker C. Behan McCullagh benennt das Problem, wenn er schreibt: „Es gibt nicht viele christliche Historiker, die ich gut genug kenne, um zu wissen, auf was sich ihr Glaube gründet.“ (Persönliche Korrespondenz, 19. August 2019)
– William Lane Craig