#648 Das ontologische Argument und quasi-maximale Größe
December 22, 2019
F
Sehr geehrter Prof. Craig,
ich bin Sanket aus dem Staat Maharashtra in Indien. Ich wurde in eine hinduistische Familie hineingeboren. Mit 19 Jahren begann ich, über die großen Lebensfragen nachzudenken – „Gibt es Gott?“ – „Wenn es Gott gibt, warum gibt es dann so viel Leiden?“ usw. Anfangs versuchte ich, die Antworten auf meine Fragen in meinen eigenen hinduistischen Texten zu finden, wie den Upanischaden und der Bhagavad Gita, aber dann merkte ich, dass die Grundlehren des Hinduismus wie das Gesetz des Karma und der Reinkarnation meine Fragen nicht beantworteten, ja absolut unvereinbar waren mit meinen Intuitionen, wie Gott sein muss. Wären Ihre Videos auf YouTube und diese Website nicht gewesen, ich wüsste heute noch nicht, dass es so etwas gibt wie „philosophische Argumente für die Existenz Gottes“.
Durch Sie fing ich an, mich für Philosophie, Theologie und schließlich den christlichen Glauben zu interessieren und mich in die Belege für die Auferstehung Jesu zu vertiefen. Ich schlüpfte in die Rolle des Skeptikers, der Fragen stellt und von beiden Seiten her untersucht – und kam zu dem Schluss, dass, wenn es einen Gott gibt, dies nur Jesus sein kann. In dem Augenblick, wo mir das aufging, erfüllte mich eine solche Dankbarkeit, dass ich auf der Stelle Christus als meinen Gott und Erlöser annahm. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen klarmachen soll, wie dankbar ich dafür bin, dass durch Sie der lebendige Gott mich aus der Finsternis herausgeführt und mir Frieden und Freude gegeben hat durch das Opfer unseres Herrn und Gottes Jesus Christus am Kreuz. Mein Leben ist nicht leichter geworden, da ich nach wie vor zu einer hinduistischen Familie gehöre, aber gleichzeitig meinem neuen Glauben an Christus treu zu sein versuche, aber ich bin ein gesegneter und glücklicher Mensch und bin zuversichtlich, dass Gott auch meinen Verwandten seine Gnade erweisen wird.
Meine Frage betrifft das Wesen Gottes als dessen, der in allem vollkommen ist. Als ich das Kalam-kosmologische Argument studierte, wurde mir klar, dass dieses Argument von einem zeitlosen, überräumlichen, immateriellen, ewigen, intelligenten, persönlichen, transzendenten und notwendigen Wesen spricht. Und das ist ja nur logisch. Bei der Beantwortung der Einwände von Richard Dawkins haben Sie auch betont, dass dieses Argument nicht dafür da ist, die Allmacht, Allwissenheit und Allbarmherzigkeit Gottes zu unterstreichen. Aber wenn wir das ontologische Argument betrachten, so definiert dieses Gott als „maximal großes Wesen“ und damit als allmächtigen, allwissenden und allbarmherzigen Gott. Wenn die erste Prämisse wahr ist, dann folgen logischerweise (2) bis (6). Aber der Begriff des „maximal großen Wesens“, wie ich ihn verstehe, impliziert logischerweise, dass dieses Wesen auch ein notwendiges Wesen ist. Aber was, wenn Gott nur ein notwendiges Wesen ist? Wenn Gott nur ein notwendiges Wesen ist und im Übrigen all die Eigenschaften besitzt, die das Kalam-Argument impliziert, impliziert dies ganz offensichtlich nicht, dass Gott ein maximal großes Wesen ist.
Wenn ich also die erste Prämisse des ontologischen Arguments durch „Es ist möglich, dass ein extrem mächtiges, zeitloses, überräumliches, immaterielles, ewiges, intelligentes, persönliches, transzendentes und notwendiges Wesen existiert“ ersetze, folgt dann daraus logischerweise, dass nach dem Borde-Guth-Vilenkin-Theorem solch ein Wesen in den meisten, wenn nicht sogar in allen Universen notwendig ist? Wenn die Antwort ‚Ja‘ ist, woher können wir dann wissen, dass Gott in der Tat allmächtig, allwissend und allbarmherzig ist? Gibt es philosophische Argumente, die diese Eigenschaften (vor allem die Allmacht) stützen? Und falls die Antwort Nein ist, dann zeigen Sie mir bitte, wo ich das ontologische Argument falsch verstanden habe. Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Danke.
Gottes Segen aus Indien,
Sanket
India
Prof. Craigs Antwort
A
Was für ein toller Brief, Sanket! Wir freuen uns sehr, dass Sie in Christus das Leben gefunden haben! Möge der Herr Ihnen Kraft geben inmitten all der Probleme, die Sie zweifellos haben als jemand, der seinen christlichen Glauben in einer hinduistischen Kultur auszuleben versucht. Möge er zu den Herzen Ihrer Verwandten sprechen, wenn diese es miterleben, wie er Sie verändert hat!
Was Ihre Frage angeht, so habe ich sie unter der Rubrik behandelt, ob man nicht eine Parodie des ontologischen Argumentes erstellen kann, indem man argumentiert, dass, da ein quasi-maximal großes Wesen metaphysisch möglich ist, ein solches Wesen existieren muss. Meine Antwort hat zwei Teile: (1) Die Koexistenz eines maximal großen Wesens und eines quasi-maximal großen Wesens ist unmöglich, da das maximal große Wesen in seiner Eigenschaft als allmächtiges Wesen die Macht besitzen muss, das quasi-maximal große Wesen zu erschaffen oder zu vernichten, was bedeutet, dass das quasi-maximal große Wesen nicht notwendigerweise existiert und mithin doch nicht quasi-maximal groß ist. Eine dieser beiden Konzeptionen ist also metaphysisch nicht möglich. (2) Es ist plausibler, zu denken, dass das quasi-maximal große Wesen (und nicht das maximal große Wesen) unmöglich ist, da unsere Intuition, dass ein quasi-maximal großes Wesen möglich ist, parasitär ist gegenüber unserer Intuition, dass ein maximal großes Wesen möglich ist. Warum können wir überhaupt denken, dass ein quasi-maximal großes Wesen möglich ist? Nur weil wir davon ausgehen, dass ein maximal großes Wesen möglich ist, und dann den Begriff der maximalen Größe abmildern, indem wir einige seiner Eigenschaften weglassen.
Bei Ihrem Szenario ist die Frage jedoch leichter zu beantworten: Das Wesen, das „extrem mächtig, zeitlos, überräumlich, immateriell, ewig, intelligent, persönlich, transzendent und notwendig“ sein soll, ist ja das maximal große Wesen des ontologischen Argumentes, nur in einer zurückhaltenderen Formulierung! Es taugt dagegen nicht als Beschreibung des quasi-maximal großen Wesens, weil es nicht verlangt, dass Gott lediglich sehr mächtig ist oder endlich intelligent. Allmacht beinhaltet extreme Macht, und Allwissenheit beinhaltet Intelligenz. Ihre Beschreibung ist also nicht unvereinbar mit maximaler Größe. Versuchen Sie, es so zu sehen: Gott hat noch viele andere „große“ Eigenschaften als die (Allmacht, Allwissenheit, moralische Vollkommenheit und notwendige Existenz), die Alvin Plantinga unter maximaler Größe subsumiert – z. B. Aseität und Transzendenz. Selbst Plantingas Eigenschaftsliste ist nicht vollständig; Sie haben sie lediglich noch einmal etwas gekürzt, ohne damit einen Widerspruch zu schaffen.
Was Ihre Frage betrifft: „Woher können wir dann wissen, dass Gott in der Tat allmächtig, allwissend und allbarmherzig ist?“, so lautet die Antwort: Da eine solche Konzeption möglich ist, ist sie auch aktual. Im Übrigen ist sie entweder möglich oder unmöglich, und vor diese Wahl stellt uns das ontologische Argument.
(Übers.: Dr. F. Lux)
Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/the-ontological-argument-and-quasi-maximal-greatness
– William Lane Craig