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#649 Mittleres Wissen und Erbsünde

#649 Mittleres Wissen und Erbsünde

December 22, 2019

F

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst einmal herzlichen Dank für diese wunderbare Schatztruhe christlicher Philosophie, die Sie auf Ihrer Website zusammengestellt haben. Nach sechzehn Jahren als Atheist habe ich vor kurzem meinen Glauben wiederentdeckt, und Ihre Artikel und Videos haben mir ganz enorm geholfen, meinem Glauben ein solides, stimmiges philosophisches Fundament zu geben. Ich möchte gerne die Frage der Erbsünde neu aufwerfen, und zwar aus einer Perspektive, die in den Fragen #549 und #560 zu demselben Thema nicht angesprochen wird. Es geht mir dabei vor allem um Ihre Beschreibung Adams als unseres „genau richtigen Stellvertreters“, die in der Lehre von Gottes Mittlerem Wissen gründet.

In #549 schreiben Sie: „Falls hier jetzt jemand einwendet, dass Adam ein schlechter Stellvertreter war, können wir antworten, dass Gott über seine Mittleres Wissen wusste, dass wir, wären wir an Adams Stelle gewesen, genauso gehandelt hätten wie dieser. Adam war also als unser Stellvertreter vor Gott genau der Richtige!“ Ich finde diese Antwort problematisch, und zwar aus folgendem Grund: Adams Entscheidung geschah im Kontext der Welt vor dem Sündenfall. Sein Wesen war also noch nicht durch die Erbsünde verdorben, und mit seinem unverdorbenen freien Willen hätte er sich auch echt anders entscheiden können. Diese echte, von Sünde noch nicht befleckte Freiheit war ja die Grundlage für sein Schuldigwerden.

Die Behauptung, dass jeder Mensch sich damals genauso entschieden hätte wie Adam und dass Gott dies durch sein Mittleres Wissen vorherwusste, ist entweder (a) anachronistisch, weil sie die Verdorbenheit des freien Willens nach dem Sündenfall auf eine Entscheidung anwendet, die vor dem Sündenfall geschah, oder (b) sie verneint, dass es überhaupt einen echten freien Willen gibt. Mir scheint, dass wir hier von (b) ausgehen müssen, und zwar aus folgenden Gründen: (1) Die Erbsünde betrifft notwendigerweise alle Menschen, die nach Adam kamen. (2) Wenn wir von einem echten freien Willen ausgehen, kann weder die Wahrheit noch die Falschheit der kontrafaktischen Behauptung „Wäre ich an Adams Stelle gewesen, hätte ich mich genauso entschieden“ notwendig sein. Wenn aber (1) wahr ist, dann ist es notwendig wahr, dass alle Menschen – auch die noch nicht geborenen – sich genauso entschieden hätten wie Adam, denn sonst wäre es ja möglich, dass er nicht der richtige Stellvertreter aller Menschen war, womit die Begründung für das durch die Erbsünde verursachte Schuldigwerden aller Menschen entfallen würde. Folglich gibt es in diesem Szenario bereits vor dem Sündenfall keinen freien Willen.

Ich würde mich freuen, zu hören, wie Sie darüber denken und ob und wo ich hier in meinem Denken einen Fehler mache. Danke!

Antti

Finland

Prof. Craigs Antwort

A

Sie haben vollkommen recht, Antti, dass Adams Entscheidung in einem Zustand der Unschuld geschah, ohne die Beeinflussung durch die Sünde, wie wir sie erleben. Was Sie hier jedoch verstehen müssen, ist Folgendes: Wenn wir über Gottes Mittleren Wissen sprechen und uns vorstellen, wie eine Person, die sich in einer anderen historischen Situation befindet, eine Entscheidung treffen muss, stellen wir uns definitiv nicht vor, was passieren würde, wenn jemand, sagen wir, in eine Zeitmaschine steigen und sein ganzes Gepäck aus der Gegenwart mitnehmen und dann die Entscheidung treffen würde. Sondern wir stellen uns vor, dass (anstelle von Adam) Sie der erste Mensch waren, der als unschuldiges Wesen erschaffen wurde, das nicht wusste, was Sünde ist. Was hätten Sie gemacht? Sie wissen das natürlich nicht, aber nach der Lehre vom Mittleren Wissen weiß Gott es. Und was ich sage, ist, dass Gott bewusst nur solche Personen erschaffen hat, von denen er wusste, dass sie sich genauso entscheiden würden wie Adam. Dass er Adam als unseren Stellvertreter handeln ließ, war also nicht unfair. Adam ist mit vollem Recht Ihr Stellvertreter; er tat genau das, was Sie getan hätten.

Dieses Szenario wendet also „die Verdorbenheit des freien Willens nach dem Sündenfall“ nicht anachronistisch „auf eine Entscheidung an, die vor dem Sündenfall geschah.“ Und verneint sie, „dass es überhaupt einen echten freien Willen gibt“? Absolut nicht! Der ganze Clou mit dem Mittleren Wissen ist, dass Gott weiß, was die Menschen in jeder möglichen Situation, in der sie sich befinden können, aus freien Stücken tun würden.

Sie haben recht mit Ihrer Behauptung: „(2) Wenn wir von einem echten freien Willen ausgehen, kann weder die Wahrheit noch die Falschheit der kontrafaktischen Behauptung ‚Wäre ich an Adams Stelle gewesen, hätte ich mich genauso entschieden‘ notwendig sein.“ Kontrafaktische Aussagen der Freiheit sind kontigent wahr, aber nicht notwendigerweise wahr. Aber wenn Sie sagen: „(1) Die Erbsünde betrifft notwendigerweise alle Menschen, die nach Adam kamen“, verwechseln Sie offenbar die Tatsache, dass nach Adams Sündenfall alle seine natürlichen Nachkommen ein in sich verdorbenes Wesen geerbt haben, sodass sie gar nicht anders können, als zu sündigen, mit der Frage, was sie gemacht hätten, wenn sie ohne Sünde an Adams Stelle gewesen wären. In dieser Situation müssten sie nicht sündigen, sondern hätten die Freiheit, sich frei zu entscheiden, wie Adam. Es ist richtig, zu sagen, dass es möglich ist, dass Adam nicht der richtige Stellvertreter von uns war, aber Gott mit seinem Mittleren Wissen wusste, dass diese Möglichkeit nicht Realität werden würde.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/middle-knowledge-and-original-sin

– William Lane Craig

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