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#654 Die Frauen am Grab

#654 Die Frauen am Grab

December 22, 2019

F

Sehr geehrter Prof. Craig,

Wie konnten die Frauen, die zum Grab Jesu gingen, vorhaben hineinzugehen, wenn das Grab durch ein römisches Siegel gesichert war, das das Betreten unter Androhung der Todesstrafe untersagte?

Tracy

United States

Prof. Craigs Antwort

A

Es ist möglich, dass Matthäus, der als Einziger der Evangelisten die Geschichte von der Grabwache berichtet, Fragen wie der Ihren, Tracy, vorbeugen wollte, indem er das Vorhaben der Frauen, den Leichnam Jesu zu salben, von dem er durch das Markusevangelium (16,1) wusste, ausließ. Matthäus berichtet lediglich, dass „Maria Magdalena und die andere Maria“ kamen, „um das Grab zu besehen“ (Matthäus 28,1). Ihre Frage konnte sich für Matthäus‘ Leser gar nicht stellen. (Warum etwas kompliziert machen, wenn es auch einfach geht?)

Aber was, wenn (was wahrscheinlich ist) die Frauen doch zu dem Grab gingen, um Jesus zu salben, wie es bei Markus steht? Die meisten Experten (genauer gesagt: die, die nicht von der Unfehlbarkeit der Bibel ausgehen) würden hier antworten, dass es halt keine Wache vor dem Grab gab und auch keine Versiegelung. Die Grabwache wird nur im Matthäusevangelium erwähnt, und die meisten Gelehrten dürften dies als spätere, nicht mehr historische Hinzufügung zu dem „ursprünglichen“, schlichteren Bericht des Markus deuten. Also: Problem gelöst.

Man beachte, dass diese Schlussfolgerung nicht dazu führt, dass die kritischen Theologen die Historizität der Beisetzung Jesu durch Josef von Arimathäa oder des Gangs der Frauen zum Grab am Sonntagmorgen, um den Leichnam zu salben, verneinen. Die Historizität des Berichtes des Markus, die vom Johannesevangelium gestützt wird, wird durch die spätere matthäische Hinzufügung der Geschichte der Grabwache nicht berührt. Diese sollte ja den verbreiteten jüdischen Gerüchten, das Grab sei nur deswegen leer gewesen, weil die Jünger den Leichnam gestohlen hatten (Matthäus 28,15), entgegentreten.

Das würde das Problem lösen. Aber angenommen, es gab doch eine Wache und das Grab war versiegelt, wie Matthäus schreibt. Hätte dies die Frauen nicht abgehalten? Vielleicht schon, aber nur dann, wenn sie von der Wache gewusst hätten. Wir lesen bei Markus und Matthäus, dass die Frauen bei der Beisetzung Jesu in dem Grab dabei waren (Markus 15,46-17; Matthäus 27,57-61); das war am Karfreitag. Die Grabwache kam aber nicht am Freitag zum Einsatz, sondern erst am nächsten Tag, also am Samstag (Matthäus 27,62) gingen die jüdischen Oberen, denen nachträglich gewisse Bedenken kamen, zu Pilatus, um ihn um eine Bewachung des Grabes zu bitten.

Der Samstag war natürlich der jüdische Sabbat, und Lukas vermerkt über die Frauen: „Am Sabbat aber ruhten sie nach dem Gesetz“ (Lukas 23,56). Es kann gut sein, dass sie wie die männlichen Jünger sich den ganzen Tag versteckt hielten (vgl. Johannes 20,19). Es gibt also keinerlei Grund zu der Annahme, dass die Frauen, als sie früh am Sonntagmorgen zu dem Grab aufbrachen, damit rechneten, dass es versiegelt und bewacht war. Das ist der Grund, warum sie zueinander sagten: „Wer wälzt uns den Stein von dem Eingang des Grabes?“ (Markus 16,3). Sie wussten nicht, ob eine Menschenseele dort wäre.

Die Geschichte des Matthäus über die Grabwachen und der Plan der Frauen, den Leichnam Jesu zu salben, passen also gut zusammen, und ich sehe hier keine Probleme.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/the-women-at-the-tomb

– William Lane Craig

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