#655 Warum soll ich das glauben?
December 22, 2019
F
Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe gerade Q&A Nr. 647 gelesen, und als Atheist/ Agnostiker muss ich zugeben, dass Sie das von dem Fragesteller vorgetragene Argument gründlich, ja geradezu elegant auseinandergenommen haben. Es ist ein Argument, das mich selber beschäftigt hat und das ich ziemlich stark fand. Also: Hut ab und allen Respekt! Aber dann schreiben Sie am Ende Ihrer Antwort, dass der Fragesteller, wenn er sich in seinem Glauben verunsichert fühlt, nicht viel Ahnung von den historischen Belegen für die Auferstehung Jesu haben kann.
Das sehe ich anders. Ich finde, die normale Position aufgrund unserer Alltagserfahrung ist doch die, dass man nicht leichthin etwas, das nach einer erfundenen Geschichte aussieht, als Wunder akzeptiert. Ich glaube, dass die Welt total naturalistisch funktioniert und dass man nicht so leicht etwas anderes akzeptieren sollte, bloß weil es „rationale“ Argumente dafür gibt. Wenn diese Argumente meiner normalen Alltagserfahrung glatt widerstreiten, sind sie dann nicht eher irrational? Ich bin kein Philosoph und noch nicht einmal sehr belesen. Ich gehe meist nur dann auf Ihre Website, wenn ich neugierig bin. Aber auch wenn Sie noch so logisch klingen, gibt mir das keinen Grund dafür, an etwas zu glauben, das meiner alltäglichen Erfahrung widersprechen würde. Ich bin ein Mensch, der für Argumente offen ist, aber was ich gerade dargestellt habe, ist der Grund, warum ich keinen Bedarf dafür habe, es mit dem Christentum zu versuchen. Was sagen Sie dazu?
Jacob
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Danke, dass Sie mir so ehrlich Ihre Reaktion auf meine Antwort schildern, Jacob! Ich habe jedoch den Eindruck, dass Ihre Situation eine ganz andere ist als die des Fragestellers in Q&A 647.
In Q&A 647 bezeichnet der Fragesteller, Parker, sich als „Christ und ein Fan von Ihnen und Ihren Artikeln über die Auferstehung Jesu Christi“. Er hat also die „naturalistische“ Weltsicht, die Sie vertreten, bereits hinter sich gelassen und angefangen, „es mit dem Christentum zu versuchen“. Er hat eine persönliche Beziehung zu Gott und ist durch Gottes Geist innerlich wiedergeboren worden. Er hat den heiligen Geist in sich, der ihm bezeugt, dass er ein Kind Gottes ist (Römer 8,16). Und nicht nur das, sondern er outet sich als „Fan“ meiner Arbeiten über die Historizität der Auferstehung Jesu. Das aber heißt, dass er mit den zahlreichen historischen Belegen vertraut sein muss, die es für die Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen, für die Erscheinungen des Auferstandenen vor diversen Personen und ganzen Gruppen und für den plötzlichen, ehrlichen, allen ihren Erwartungen widerstreitenden Glauben der Jünger an die Auferstehung ihres Herrn gibt. Er müsste auch wissen, dass in der historischen Jesus-Forschung die große Mehrheit der Gelehrten von diesen Fakten überzeugt ist und dass naturalistische Erklärungen dieser Fakten von der modernen Forschung eindeutig verworfen werden.
Angesichts dieser Situation war ich erstaunt, dass Parker angab, dass der Einwand gegen den Glauben an die Auferstehung Jesu, den er gehört hatte, „eine harte Nuss“ für seinen christlichen Glauben war. Da war nicht nur eine interessante Kuriosität, auf die er eine Antwort suchte, sondern sein Glaube hatte Probleme, und was er meines Erachtens brauchte, war jemand, der ihm den Kopf wieder zurechtrückte. Auch wenn ihm keine Antwort auf den Einwand, den er da gehörte hatte, einfiel – seine Kenntnis der Belege für die Auferstehung Jesu, ganz zu schweigen von dem inneren Zeugnis des Heiligen Geistes, hätte ihm die Gewissheit geben sollen, dass es eine gute Antwort auf den Einwand gab, auch wenn er sie noch nicht kannte.
Aber, wie gesagt, Sie sind nicht in Parkers Situation. Sie sind offenbar ein Naturalist, der nicht glaubt, dass Gott durch Wunder in die Welt eingreifen kann. Offenbar glauben Sie noch nicht einmal, dass Gott existiert, und definitiv nicht, dass er Jesus von Nazareth von den Toten auferweckt hat. Sie geben aber auch an, dass Sie sich nicht mit Argumenten und Beweisen befassen, sondern meine Website nur besuchen, wenn Sie neugierig sind.
Deshalb würde ich Sie, anders als bei Parker, nie auch nur um drei Ecken herum tadeln. Parker hätte es besser wissen müssen, aber von Ihnen, Jacob, kann ich nicht den Glauben eines Christen erwarten. Sie sollten sich stattdessen fragen, ob Sie wirklich gute Gründe für Ihren Naturalismus haben. Gut, Sie haben vielleicht noch nie selber Wunder erlebt, aber das wäre nur dann ein Argument gegen den christlichen Glauben, wenn die Wahrheit dieses Glaubens es wahrscheinlich machte, dass auch Sie solche Wunder erleben. Doch für diese Annahme gibt es keinen Grund. Die von Jesus vollbrachten Wunder, die in seiner Auferstehung gipfelten, waren Zeichen dafür, dass in seiner Person das Reich Gottes in die menschliche Geschichte einbrach. Sie waren lauter Bestätigungen Gottes, dass Jesus der Messias (Gottes Sohn, der Menschensohn) war und dass seine Lehre stimmte. Es ist also mitnichten so, dass die Wahrheit des christlichen Glaubens Ihrer „alltäglichen Erfahrung widerstreiten würde“.
Auf der anderen Seite gibt es sehr starke Gründe für die Annahme, dass die natürliche Welt nicht alles ist, was es gibt: die Kontingenz der Welt, die Tatsache, dass das Universum einen Anfang hatte, die Feinabstimmung des Universums in Richtung auf intelligentes Leben, die Anwendbarkeit der Mathematik auf die physische Welt, die Objektivität moralischer Werte und Pflichten in der Welt usw. Schauen Sie sich doch einmal die auf der Homepage unserer Website geposteten animierten Videso an. Wenn ein transzendenter Schöpfer und Designer des Kosmos existiert, dann ist es, wie der atheistische Philosoph Peter Slezak es so schön ausgedrückt hat, „ein Kinderspiel, wenn hin und wieder einer von den Toten aufersteht.“
Also, Jacob, schauen Sie einmal hinaus über Ihren Tellerrand und fragen sich: „Könnte es sein, dass es doch einen Gott gibt, der die Welt erschuf und der sich in Jesus offenbart hat? Könnte die Realität größer sein, als ich es bisher erlebt habe oder mir habe träumen lassen?“
(Übers.: Dr. F. Lux)
Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/its-hard-to-believe/
– William Lane Craig